„Herr Pribbernow, was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“

Viele von uns kennen die Schule gar nicht mehr ohne Herrn Pribbernow als Schulleiter. Nun hatten wir die Chance in einem Exklusiv-Interview seinen Blickwinkel auf die Schule und seine Arbeit zu erfahren. Was er von der Schülerschaft und dem derzeitigen Schulsystem hält, erfahrt ihr hier.

Was ist Ihr Plan für die Zukunft?

Die Kinder leiden sehr unter G8. 265 Jahreswochenstunden verteilt auf acht Jahre führen zu sehr viel Nachmittagsunterricht. Das ist wie Gift für die Kinder. Deswegen will ich zurück zu G9. Wenn man 265 Jahreswochenstunden durch neun teilt, kommt man ungefähr auf 29 Stunden pro Woche. Das reicht völlig aus. Ich habe mich in der politischen Landschaft umgeschaut, wo ich für diesen Plan Verbündete kriege. Die Partei, welche meine Wünsche von G9 am besten zu berücksichtigen scheint, ist die FDP. Deswegen bin ich dort eingetreten und werbe für diese Position. Ich sehe jedoch nicht nur die Notwenigkeit von G9, sondern dass die Gymnasiallehrer in Bremen 23 statt aktuell 26 Stunden arbeiten und dass die Klassen, nicht wie in Bremen, mit über 30 Kindern überfüllt sind, sondern möglichst nur noch 25 Schüler pro Klasse zählen. Vielen Bundesländern gelingt das schon besser, worunter auch die Besoldung fällt. Viele sehr gute Referendare bleiben deshalb nicht in Bremen. Wir müssen uns möglichst an die Arbeitsbedingung in Niedersachsen anpassen. Das wäre mein Wunsch für diese Schule, für die Zukunft und vor allem für das Kollegium und die Kinder.

Was wird Ihnen denn am Schulalltag bzw. am Lehrerjob allgemein fehlen?

Ganz klar die Kinder. Wir haben im Jahr zwei Highlights. Bei Kippenberg sind die Aktionen in den Jahreszeiten vertauscht: Im Frühsommer, da „ernten“ wir unsere Abiturienten und im Spätsommer „sähen“ wir dann die kleinen Fünftklässler. Diese beiden Tage im Jahr werden mir sehr fehlen. 

Waren Sie damals gut in der Schule?

Ich war bis zur neunten Klasse gut, dann hatte ich eine kleine mentale „Pubertäts-Krise“ und nach der elften Klasse war ich wieder gut. Meine Lieblingsfächer waren Deutsch auf Grund meines fantastischen Lehrers damals. Aber auch für Politik und Geschichte interessierte ich mich sehr. Das war für mich der Anreiz Wirtschaftslehrer zu werden. Man kann immer aktuelle Themen in den Unterricht integrieren und das Ganze nicht, wie zum Beispiel in Deutsch, bei dem es sich eigentlich immer um den gleichbleibenden Stoff handelt. Die Wirtschaftskrisen kommen und gehen und sind eigentlich immer garantiert, wodurch das Ganze auch dauerhaft spannend bleibt.

Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an Ihre Schulzeit denken?

Freunde, das war eine sehr intensive Jugend!

Worauf freuen Sie sich denn?

Ab November muss ich nicht mehr morgens um 6:30 Uhr aufstehen.

Was hat Sie hier genervt?

Wenig. Wenn ich genau nachdenke… Eigentlich gar nichts. Dass ich mich hier beworben habe, lag an einer Kollegin, welche hier damals Referendarin war. Ich war zu derzeit noch in Brinkum tätig. Damals habe ich das Ganze lediglich als „Graffiti versautes, verdrecktes Gebäude“ empfunden. Sie hat gesagt: „Täusch’ dich nicht, da sind sehr, sehr kluge Kinder und ebenfalls hochqualifizierte Kollegen, die dort unterrichten. Lass dich von dem äußeren Bild nicht abschrecken!“ Dann habe ich mich hier beworben und habe die Stelle, wie ihr seht, auch bekommen. Sie hat recht. Die intellektuelle Schärfe und der kollegiale Zusammenhalt hier an der Schule sind erheblich besser als in der alten Schule. Insofern war ich total glücklich und habe es auch nie bereut hier Schulleiter zu sein.

Wie sah Ihr Alltag als Schulleiter aus? Den ganzen Tag die Füße hochlegen?

Es gab hier vor sechs oder acht Jahren ebenfalls eine Schülerzeitung, die mich gefragt hat: „Herr Pribbernow, was machen Sie eigentlich den ganzen Tag?“, und da habe ich ganz spontan gesagt: „Ich löse die Probleme anderer Leute.“ Denn darauf läuft es hinaus. Als ich hier damals anfing, hatte ich natürlich einen festen Tagesplan – das ist aber meistens nur zu 20% so verlaufen und der Rest blieb ein Abenteuer. Jetzt ist es umgekehrt, ungefähr 60-70% des Tages verlaufen nach Plan, und nur noch 30-40% bleiben abenteuerlich. Ein Kind hat plötzlich ein verletztes Knie, ein Kollege hatte einen schlimmen Unfall, eine Kollegin teilt mit, dass sie schwanger ist, wo ich plötzlich erfahre, dass eine Abordnung vorliegt. Da muss man sich vollkommen neu sortieren, aber das ist halt auch das Angenehme. Ich komme aus einer großen Bauernfamilie und da war der Tag durchgeplant, jedoch es ist nie ein Tag so abgelaufen, wie man es eigentlich vorgesehen hat. Das ist als Schulleiter exakt das Gleiche. Die Tage verlaufen nie, wie man sie eigentlich plant. Man muss immer flexibel sein.

Was war denn der schönste Moment hier bei uns an der Schule?

Es gab viele! Beispielsweise als unsere Schule 150-jähriges Jubiläum feierte. Wir hatten einen tollen Festtag in der Glocke, an dem ich auch eine große Rede gehalten habe. Alles war geschmückt und viel Publikum kam. Das war schon ein besonderer Moment. Sowas passiert nur alle 50 Jahre.

Was genau haben Sie denn studiert?

Zunächst habe ich Politik und Deutsch studiert und darauffolgend noch evangelische Religionswissenschaft und Wirtschaftslehre.

War es Ihr Traum Lehrer beziehungsweise Schulleiter zu werden?

Ich bin das älteste Kind vom Bauernhof und hätte eigentlich den Hof bewirtschaften sollen. Bei meinem Vater ist es auch so gelaufen, er war auch der Älteste, sollte auch den Hof übernehmen, war ein sehr kluger und intellektuell-interessierter Mann und musste dann Landwirt werden. Ich musste das zum Glück nicht und konnte studieren. Durch meine Fächerwahl konnte ich mich zwischen Lehramt und Journalismus entscheiden. Die Arbeit mit jungen Menschen fand ich dann jedoch spannender. Wenn man guten oder sogar sehr guten Unterricht macht, kann man auf vernünftige Tätigkeit zurückgreifen und ich kann sagen, dass ich kein „fauler Sack“ bin, wie Herr Schröder das meinte, sondern ich bringe Kindern etwas bei.

Wie genau war Ihr Werdegang?

Ich habe ein normales Studium gemacht und hatte dann im ersten Staatsexamen „nur“ eine 1,8. Das war damals in den Zeiten der hohen Lehrerarbeitslosigkeit zu Beginn der 80er Jahre zu wenig. Ich habe dann anderthalb Jahre bei einer Krankenversicherung gearbeitet und habe die reale Umsetzung von profitablen Gedanken erlebt. Ich hätte da sehr gutes Geld verdienen können, wenn ich weiter gemacht hätte. Das war aber vom Ansehen her genauso niedrig wie das eines Journalisten. Ich habe dann mein Referendariat in Kassel gemacht und bin danach in Brinkum für 20 Jahre Lehrer an der KGS-Brinkum, zuletzt als Oberstufenleiter, gewesen und danach ans Kippenberg gegangen.

Worauf sind Sie in Ihrer Karriere besonders stolz?

Stolz ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Ich bin froh, wenn ich hier Rückkopplung bekomme, wenn ich beispielsweise Schüler verabschiedet habe, diese dann sagen: „Ich habe die Oberstufe gelangweilt durchgesessen und bin freiwillig in Ihren Unterricht gekommen.“ So etwas rührt einen. Aber auch Leute, die vor zehn Jahren Unterricht bei mir hatten und dann Wirtschaftswissenschaften studiert haben, meinten, dass sie das Studium gemacht hätten, weil mein Unterricht so modern gestaltet gewesen wäre. Das macht mich sehr stolz.

Was ist Ihr Lieblingsfilm?

Ich glaube „Little big man“ und „Der letzte Samurai“.

Welche Musik hören Sie denn am liebsten?

Definitiv die Rolling Stones.

 

Beenden Sie bitte die Sätze:

Das Kippenberg-Gymnasium ist für mich…

…die Erfüllung eines Lebenstraumes: Eine tolle, eigene Schule zu haben und die auch lange Jahre geprägt zu haben.

Um 8:00 Uhr morgens…

…bin ich im Winter müde und im Sommer putzmunter, höre die Vögel zwitschern und habe manchmal schon 1-2 Stunden über den kommenden Tag nachgedacht.

Wenn ich durch die Schule gehe, denke ich…

…was habe ich für tolle Kinder? – Ich gehe wirklich hier lang und denke mir: „Wow!“

Wenn ich im Lehrerzimmer bin, denke ich…

…in Stilfragen ist noch Luft nach oben.

Wenn Werder spielt…

…das ist das Größte. Wenn sie denn auch gewinnen! Ansonsten heißt es: „Stark sein!“

Ab August werde ich…

…erstmal meinen Garten auf Vordermann bringen und ab dem 1. September zwei Wochen Urlaub machen und dann wahrscheinlich, was ich schon angedeutet habe, meine Vorstellungen mit der Politik in die Wirklichkeit umsetzen.

Und wofür würden Sie sich entscheiden?

Montag oder Freitag?

Emotional: Freitag!

Kaffee oder Tee?

Kaffee

Schulhof oder Lehrerzimmer?

Immer Schulhof

Füller oder Kugelschreiber?

Füller selbstverständlich! Ich habe nur Füller!

Süß oder herzhaft?

Ganz klar: Herzhaft!

Schüler oder Sportrasen?

Ein ganz entschiedenes sowohl als auch!

Wollen Sie den Schülern abschließend noch irgendetwas mit auf den Weg geben?

Jetzt kommt Pathos. August Kippenberg hat 1909, da war die Schule 50 Jahre alt, bei einer großen Festrede seine Rede mit den Worten „Die Schule blüht und gedeiht und möge das auch weiterhin tun, im Sinne und im Geiste der Freiheit und des Frohsinnes, des Wohlwollens und der Wahrheit.“ geschlossen. Diese Worte, wenn man sich das mal anschaut: Freiheit war damals im Kaiserreich etwas Rebellisches, Frohsinn statt strammstehen in militärischer Ausrichtung, Fröhlichkeit mit der Musik, Kunst und Ästhetik, Wohlwollen war auch nicht wichtig – Kinder wurden geprügelt, das war gar keine Frage – und Wahrheit ist, naja, was damals nicht politisch korrekt war, wurde dann einfach zurechtgebogen. Kippenberg hat gesagt: „Jetzt bleiben wir dabei.“. Das klingt ein bisschen altbacken, aber wenn man sich das mal auf die heutige Zeit überträgt, wäre das nicht schlecht, wenn es so bliebe. In dem Sinne, unter diesem Geiste, wenn die Schule so bliebe, das wäre schon toll. Das will ich mir wünschen.

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