Sechs Monate in Indien

David, ein ehemaliger Abiturient unserer Schule, war im letzten halben Jahr unterwegs und hat eine spannende Zeit gehabt. Lest hier, wo er war und was er dort alles erlebt hat.

Indien ist laut und dreckig. Die Frauen haben keine Rechte und alle Menschen sitzen beim Essen auf den Boden.
So ungefähr lautet das allgemeine Bild von in Deutschland lebenden Menschen von Indien. Dabei ist das Land Indien so unglaublich facettenreich und lässt sich wohl am besten mit dem Wort Diversität beschreiben. Ich selbst hatte bereits zu Schulzeiten großes Fernweh und wollte unbedingt nach dem Abitur ins Ausland. Im Prinzip wollte ich also genau das machen, was sich die Mehrheit nach dem Abitur vornimmt. „Erst mal ins Ausland und dann mal gucken“.

Allerdings habe ich schon sehr früh für mich erkannt, dass eine klassische Rundreise nicht zwingend meinen Vorstellungen entsprach. Von Frankfurt nach Bangkok, dann ein bisschen Vietnam, eine Woche Bali und so weiter und sofort. Sicherlich kann eine solche Reise positive Erfahrungen mit sich bringen und sicherlich lernt man Menschen aus der ganzen Welt kennen, aber du wirst immer Tourist bleiben und kannst nur bedingt deinen Tag strukturieren, bzw. einen Alltag in dein Leben inkludieren. Aufgrund dieser Tatsachen habe ich mich dazu entschlossen, meinen Auslandsaufenthalt mit einem Freiwilligendienst zu verbinden.

Eben diesen habe ich sechs komplette Monate in Punjab, Indien absolviert. Die Mischung zwischen dem Kennenlernen einer mir bis dato noch sehr fremden Kultur und dem Sammeln neuer Arbeitserfahrungen in den verschiedensten Bereichen schien mir von Anfang an sehr stimmig, doch der Drang zum Arbeiten in einer fremden Kultur bedeutet nicht zwangsläufig, dass alles reibungslos verläuft. Schon bei der Suche nach einem passenden Projekt oder einer seriösen Organisation, wird man an Informationen förmlich erschlagen. Wer an einen Freiwilligendienst im Ausland denkt, dem fallen meistens Arbeitsstellen in Schulen, Kindergärten oder Altenheimen auf. Dabei gibt es so viel mehr Einrichtungen, die einen Freiwilligendienst anbieten. Doch um auf das richtige Projekt zu stoßen, bedarf es einer vertraulichen Entsendeorganisation. Damit sind keinesfalls all die Privatorganisationen, die für einen Freiwilligendienst mehrere Tausend Euro verlangen gemeint, sondern viel mehr die jenen, die von der Bundesrepublik Deutschland unterstützt werden.

Ich habe meinen Freiwilligendiest über das „Weltwaerts“ Programm absolviert welches im Jahr 2008 durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) ins Leben gerufen wurde. Unzählige Projekte welche größtenteils im globalen Süden zu finden sind, werden auf der Website von „Weltwaerts“ aufgelistet. Nachdem man das für sich für sich passende Projekt gefunden hat, wird man zur jeweiligen Entsendeorganisation weitergeleitet. Hier erhält man alle nötigen Informationen zum Bewerbungsprozess, Bewerbungsfristen und Finanzen. Die Mindestdauer für einen Freiwilligendienst beträgt dabei sechs Monate. Ein Freiwilligendienst über Weltwaerts kann maximal 12 Monate andauern.

Im Hinblick auf den finanziellen Part kommt wohl der größte Pluspunkt des Weltwaerts Programms zu Zuge. Dieses ist nämlich absolut kostenfrei. 75 Prozent der Kosten übernimmt dabei der BMZ, 25 Prozent die jeweilige Entsendeorganisation. Diese fordert jedoch monatliche Spenden ein. Jede*r sollte sich also darum bemühen einen Spendenkreis aufzubauen um der Organisation das Geld zukommen zu lassen, denn ohne diese Spenden würde keine Entsendeorganisation existieren. Allerdings basieren Spenden natürlich immer auf freiwilliger Basis, niemand ist also gezwungen dies zu tun.

In meinem persönlichen Fall bin ich über die Deutsch-Indische Zusammenarbeit (DIZ) nach Indien ausgereist. Zu den Bewerbungsunterlagen zählen ein Motivationsschreiben, Lebenslauf sowie ein auszufüllender Fragebogen. Alles ist in Englisch zu verfassen, da die Unterlagen von der Organisation auch nach Indien zur jeweiligen Partnerorganisation verschickt werden. Komplette Bewerbung auf Englisch? Zugegebenermaßen ist dies schon etwas zeitaufwendiger als in deutscher Sprache aber in jeder Hinsicht machbar und lohnenswert. Nachdem die Entsendeorganisation die Bewerbung erhält, wird ein Termin zum Kennenlernen festgesetzt. Grund dafür ist, dass eine Organisation immer erst den Menschen hinter der Bewerbung persönlich kennenlernen möchte, bevor sie die Unterlagen weiter nach Indien schicken. Mehr als ein 30-minütiges Einzelgespräch und die Beantwortung einiger Fragen ist es aber auch nicht. Wenn die ausländischen Partner mit der Bewerbung zufrieden sind (was eigentlich fast immer der Fall ist), finden sich alle Freiwillige einer jeweiligen Entsendeorganisation zu einem einwöchigem Vorbereitungsseminar, welches fünf bis sieben Tage andauert, zusammen.

Hierbei lernt man seine Kollegen kennen, mit denen man zusammen ausreisen wird. Es kommt nur selten vor, dass ein einzelner Freiwilliger zu seiner jeweiligen Organisation entsendet wird. Gleichzeitig werden nie mehr als vier Freiwillige in die gleiche Einsatzstelle gesendet. Im Vorbereitungsseminar wird man für Themen jeglicher Art sensibilisiert. Sei es für die Verantwortung als Repräsentant Deutschlands, oder die Privilegien, die weiße Menschen zweifelsohne in sogenannten Entwicklungsländern besitzen. Außerdem setzt man sich mit der Auslandskrankenversicherung sowie dem Prozess zur Erlangung eines Arbeitsvisums auseinander.

Das Seminar zur Vorbereitung findet in der Regel drei Monate vor Abreise statt. Es bleibt also genug Zeit um alles nötige zu beantragen und vorzubereiten. Die Fristen unterscheiden sich von Projekt zu Projekt. Einige Organisation wollen den Bewerbungsprozess bereits im Winter des Vorjahres abwickeln, andere wiederum geben Interessenten die Chance sich noch im Mai zu bewerben.

Doch all die Vorbereitung und Organisation ist nur halb so spannend wie die eigentliche Arbeit und das Leben vor Ort in Indien. Meine NGO war im Grunde genommen eine Einrichtung für talentierte Fußballer mit integriertem Hostel. Der Gründer und Chef der Organisation Gurmangal Dass entschied im Jahr 2001 mit gesammelten Preisgeldern, welche er mit seinen damaligen Fußballkollegen erworben hatte, die Organisation zu gründen. Seine Hauptintention bestand darin, jungen Menschen ein sicheren Platz im Leben zu gewähren. Der Staat Punjab hat seit Jahrzehnten mit einem großen Drogenproblem zu kämpfen. Speziell junge Menschen, die noch nicht fest im Leben standen, liefen schnell Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten. Männliche Interessenten jeglichen Alters waren jederzeit zum gemeinsamen Fußballspielen eingeladen.

Nach und nach entwickelte sich daraus ein richtiger Verein. Heute, 18 Jahre später, ist der Youth Football Club längst nicht mehr ein simpler Fußballverein. Mittlerweile wurde eine komplette Mädchenmannschaft integriert, was in Indien als durchaus besonders anzusehen ist. Jährlich trägt der Verein ein einwöchiges Mädchenturnier mit dem Namen „Girls play girls lead“ aus, um sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einzusetzen. Insgesamt nehmen jährlich über 35 Mannschaften teil, unter anderem aus Kanada und Großbritannien. Der Verein arbeitet mit äußerst integrativen Modellen wie beispielsweise mit dem Modell „Sports for development“ (S4D). Hierbei finden sich größere Gruppen von jüngeren Kindern zusammen, um sich gemeinsamen sportlich zu betätigen. Dabei liegt der Fokus der jeweiligen Coaches auf der Vermittlung positiver Verhaltensformen, Werte und Eigenschaften. Der respektvolle Umgang miteinander, Fairness, Teamarbeit, Empathie oder auch Selbstvertrauen sind u.a. essenzielle Themen. Aber gleichzeitig versucht man den Kindern lebensnotwendiges Wissen zu verinnerlichen wie beispielsweise angemessene Hygiene, Wichtigkeit von Bildung oder auch korrekte Verhaltensweisen im Alltag. In all diese Prozesse war ich als Freiwilliger jedoch nur bedingt involviert.

Mein persönlicher Arbeitsbereich lässt sich in zwei große Bereiche unterteilen. Zum einen die Arbeit im Office, welche jeden Morgen um 10:00 Uhr begann und bis ungefähr 15:00 andauerte, inklusive Mittagspause. Hier habe ich anfangs Social Media Beiträge formuliert und Texte übersetzt. Nach und nach wurde ich in den Prozess der Organisation und Planung eingebunden. In unseren wöchentlichen Meetings wurden mir Aufgaben zugeteilt und abgeschlossene Projekte oder Veranstaltungen resümiert. Nach einiger Zeit habe ich mich dazu entschlossen ein Konzept für mein eigenes Projekt im Zusatz zur normalen Arbeit zu entwerfen. Schlussendlich habe ich zusammen mit den Mädchen der U15 Mannschaft an wöchentlichen Theatersessions gearbeitet. Thematisch ging es um verschiedenste Bereiche, welche in der Pubertät eine Rolle spielen.

Zusammen mit meiner Mitfreiwilligen Paula haben wir uns überlegt, wie wir den größten Mehrwert für die Kids erzielen können. In Absprache mit unseren Vorgesetzten hat Paula einen großen Informationsteil zu jedem einzelnen Thema ausgearbeitet, um den Mädchen einen strukturierten Überblick zu verschaffen. Im darauffolgen Termin wurde zur Diskussion eingeladen. Die Mädchen hatten hier die Möglichkeit in einer offenen, aber vertrauten Umgebung sich über das Thema auszutauschen und gegebenenfalls eigene Erfahrungen zu teilen, was teilweise zu sehr emotionalen Gefühlsausbrüchen führte. Am darauffolgenden Sonntag fand die Theatersession zum jeweiligen Thema statt. Im Ausarbeitungsprozess für das jeweilige Programm habe ich mir verschiedene Aufgaben für je fünf Gruppen ausgedacht. Diese konnten simple Vorstellung von Kurzgeschichten, Dialoge, welche an bestimmte Bedingungen geknüpft waren, oder auch kleine Produktionen von einem Song sein. Zum Ende hat jede Gruppe ihre Aufgabe vor dem Rest der Mädchen präsentiert. Der Tag wurde mit einer kleinen Feedback-Runde und dem Vermitteln einer Kernbotschaft abgeschlossen.
Mein Ziel bestand darin, die Mädchen im punkto Selbstbewusstsein, Körpersprache und auch Kreativität aktiv zu fördern. Im Anschluss an jede Session habe ich einen Bericht über die ausgearbeiteten Inhalte sowie Verbesserungs- und Änderungsvorschläge für meine Vorgesetzten verfasst.

Der zweite Teil meiner Arbeit umfasste den fußballerischen Aspekt. Zusammen mit dem jeweiligen Trainerteam wurde jeden Vormittag ein umfassender Trainingsplan ausgearbeitet. Zum Nachmittag kamen dann alle Kinder und Jugendlichen zum Training auf den Platz. YFC besitzt vier feste Mannschaften: U15 Mädchen, U14 Jungs, U19 Mannschaft und die U12 Kids, bei denen der Fokus besonders auf Spaß und Vermittlung der Grundlagen des Fußballs liegt. Ich selbst war die ersten vier Monate als Assistenztrainer der U19 aktiv und wechselte danach zu den U12 Kindern, wo ich bis zu meiner Abreise verblieb. Doch bei all den Erzählungen über meine Tätigkeitsbereiche gab es selbstverständlich auch sehr viele Herausforderungen zu meistern.

Allen voran die Sprachbarriere. Zugegebenermaßen habe ich mich auf ein besseres Englischniveau eingestellt, als ich es letztendlich vorfand. Doch dies unterscheidet sich in Indien extrem und ist speziell im ländlichen Bereich deutlich schlechter ausgeprägt, als im urbanen Stadtraum. Ich hatte keine andere Wahl als die hiesige Landessprache Punjabi so gut wie es in sechs Monaten möglich ist zu lernen. Anders wäre die Leitung eines Trainings mit 35 Kindern, die allesamt kein Englisch sprechen, nicht möglich gewesen. Außerdem ist ein hohes Maß an Flexibilität absolut notwendig.

Sich To-Do-Listen für den Tag zu schreiben macht prinzipiell keinen Sinn, da immer eine unvorhergesehene Aufgabe, die plötzlich wichtiger ist als alles andere oder ein unerwarteter Termin auftreten kann. Dies sind Punkte, in denen man definitiv Rückschläge erleiden kann. Doch so etwas ist nie zu vermeiden und gehört auch zu einem erfolgreichen Freiwilligendienst dazu, sie sind sogar ein positives Zeichen. Nur wer etwas wagt und sich einbringen möchte, ist überhaupt in der Lage Fehler zu begehen. Wer hingegen nur den sicheren Weg geht, und in seiner Komfortzone bleibt, der wird auch zwangsläufig keinen Fehler begehen. Jeder Fehler ist zum Anfang meist schwer zu verarbeiten, doch stellt sich in den meisten Fällen als sinnvolle und prägende Erfahrung heraus, aus der man etwas mitnehmen und etwas lernen kann.

Als Fazit möchte ich festhalten, dass ein Freiwilligendienst gewiss nicht für jeden Abiturienten geeignet ist, aber aus meiner Sicht immer die bessere Alternative zum Reisen durch die Welt bleiben wird. Weltwaerts ist durch seine Seriosität und finanzielle Unterstützung meiner Meinung nach die perfekte Anlaufstelle. Wer mit Unvoreingenommenheit, Anpassungsfähigkeit, Offenheit gegenüber anderen Kulturen und ein wenig Arbeitseifer seinen Freiwilligendienst antritt, wird zwangsläufig eine gute und prägende Zeit durchleben. Rückschläge gehören definitiv dazu, prägen und stärken jedoch den Betroffenen in seiner Entwicklung.

Ja, Indien mag vielleicht laut und auch teilweise dreckig sein, aber dieses Land hat wahnsinnig viel zu bieten und wird für mich immer eine besondere Stellung besitzen.

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