Eine Stunde mit dem Bürgermeister

Wir hatten die Möglichkeit unserem derzeitigen Bürgermeister, Carsten Sieling, ein paar unserer Fragen zu stellen. Wie es uns dabei ergangen ist und was er geantwortet hat? Lest selbst!

Als wir das Rathaus betraten, wurden wir von einem freundlichen Herrn am Empfang hereingelassen und gleich ein Stockwerk nach oben geschickt. Dort wurden wir in das geräumige Büro des Bürgermeisters geführt, wo wir uns erstmal ein wenig umgeschaut und durch das Fenster einen Blick auf den Marktplatz und die Bürgerschaft geworfen hatten. Wir unterhielten uns noch ein bisschen mit dem ebenfalls anwesenden Pressesprecher, bis mit etwas Verspätung der Bürgermeister ins Zimmer kam. Nachdem auch er mit einem Kaffee versorgt war, starteten wir mit dem Interview.

Warum wollten Sie früher Bürgermeister werden?

Ich engagiere mich politisch schon lange in Bremen und finde einfach, dass wir in einer großartigen Stadt leben. Außerdem ist es mir wirklich ein wichtiges Anliegen, dass Bremen stark bleibt und sich gut entwickelt. Ich bin damals, 2015, gefragt worden, ob ich Bürgermeister werden möchte und habe dann sehr schnell zugesagt. Wir waren in einer Situation, in der wir die Chance hatten, vieles wieder in Ordnung zu bringen und dann weiter nach vorne zu schauen. Bremen hat ja nicht immer einfache Zeiten gehabt, aber das geht jetzt besser. Dabei geht es mir darum, dass wir eine weltoffene und zusammenhaltende Gesellschaft haben und die gute Lebensqualität gesichert wird.

Was war Ihr Traumberuf als Kind? Haben Sie sich damals schon für Politik interessiert?

Ich bin in Niedersachsen in einem Dorf aufgewachsen und wollte deshalb eine Zeit lang Bauer oder Landwirt werden, aber einen richtigen Traumberuf habe ich nicht gehabt. Nach meinem mittleren Schulabschluss habe ich eine Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht und erstmal als ein solcher auch gearbeitet. Später habe ich dann ohne Abitur über einen zweiten Bildungsweg studiert. Für Politik interessierte ich mich erst mit 15/16 Jahren, als ich keine Lust hatte, im Dorf immer nur zwischen dem Schützenverein, der Kneipe oder dem Sportverein zu wechseln. Deshalb habe ich mit meinen Freunden ein Freizi organisiert. Das war das erste Mal, dass ich mich engagiert habe. Ich habe mich dann weiterhin im Jugend- und Freizeitbereich und auch für die Friedensbewegung engagiert. Als in unserem Dorf die SPD gegründet wurde, bin ich dieser mit 17 Jahren beigetreten. Unter anderem, da ich mir, wie schon gesagt, eine Gesellschaft vorstelle, in der es um sozialen Zusammenhalt geht. Bis ich mit 36 Jahren Abgeordneter geworden bin, habe ich aber noch ganz normal studiert und gearbeitet.

Was für einen Beruf hatten Sie, bevor Sie Bürgermeister wurden?

Nachdem ich die Ausbildung zum Industriekaufmann gemacht habe, habe ich in einer Vertriebs- und Marketing-Firma gearbeitet. Dann habe ich angefangen in Hamburg Wirtschaft zu studieren. Darüber bin ich nach Bremen gekommen, war noch ein Jahr lang in den USA und habe danach bei der Arbeitnehmerkammer gearbeitet. Später bin ich Bürgerschaftsabgeordneter geworden und unmittelbar bevor ich Bürgermeister geworden bin, war ich Bundestagsabgeordneter.

Was waren Ihre größten Ziele, als Sie zum Bürgermeister gewählt wurden?

Erstmal dafür zu sorgen, dass Bremen wirklich eine Zukunft und eine Sicherheit hat. Wir waren sehr abhängig davon, dass die Bundesregierung und die anderen Bundesländer unsere Selbstständigkeit auch weiter förderten. Da ging es ganz viel um Geld. Doch die Verhandlung hat gut geklappt, sodass wir ab 2020 bis 2035 wirklich jedes Jahr 500.000.000 Euro mehr kriegen. Das sind etwa 8%-10% dessen, was wir normal zur Verfügung haben. Außerdem ging es mir noch darum, dass wir im Bereich Bildung und Kindergärten vorankommen. Deshalb habe ich unsere jetzige Bildungssenatorin Claudia Bogedan gewonnen – ich wollte dafür sorgen, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Kindergarten und der Schule gestärkt wird und somit der Übergang für die Kinder einfacher wird. Außerdem war es mir wichtig, den vielen Menschen in Bremen zu helfen, die schon lange arbeitslos sind. Deshalb habe ich auf den Weg gebracht, dass wir für solche Menschen besondere Programme anbieten und da haben wir jetzt mittlerweile 800 Personen in unterschiedlichen Programmen der Arbeitsmarktpolitik.

Also sind Sie zufrieden mit dem, was Sie von Ihren Zielen erreicht haben?

Die wichtigsten Ziele, vor allem der Erhalt von Bremen als selbstständiges Bundesland und die anderen Dinge, die ich eben genannt habe, sind erreicht. Aber wir haben natürlich noch Riesiges vor uns: Aufgrund des starken Zuwachses in Bremen und der steigenden Mieten müssen wir Wohnungen bauen. Auch in den Kindergärten und vor allem in den Schulen haben wir noch riesige Aufgaben. Wir brauchen mehr Lehrkräfte und bilden deshalb jetzt mehr Lehrerinnen und Lehrer als je zuvor aus. Und auch die Schule selbst soll insofern stärker werden, dass im Unterricht sehr teambezogen gearbeitet wird. Ich denke, da haben wir durchaus auch mit Digitalisierung eine Chance. Und natürlich müssen wir jetzt, wo wir das können und wo uns nicht mehr das Geld dazu fehlt, die Schulen sanieren: Der Zustand der Klos ist grausam – das erzählt mir auch mein 11-jähriger Sohn des Öfteren.

Was macht man als Bürgermeister den ganzen Tag?

Man ist natürlich viel unterwegs, führt viele Gespräche und besucht auch verschiedene Dinge. Das tut man, um mitzukriegen, was die großen Herausforderungen sind und wo bei den Bremerinnen und Bremern der Schuh drückt, wie man so schön sagt. Dann überlegt man sich Dinge, die angegangen und vorbereitet werden müssen. Das Schwierige daran ist – und das unterscheidet auch die Rolle als Bürgermeister davon, ein Unternehmen zu leiten – dass ich zwar hier der Chef bin, aber nicht einfach bestimmen kann und immer Mehrheiten brauche. Wenn ich meine Kollegen im Senat nicht überzeugen kann und drüben in der Bürgerschaft meinen Vorschlägen nicht zugestimmt wird, kann ich mein Vorhaben nicht durchsetzten. Darum muss so etwas immer gut vorbereitet und besprochen sein und man muss gucken, dass man die Ideen von anderen Menschen gut aufnimmt. Zum Beispiel haben wir auf den Weg gebracht, dass die Kindergärten ab Sommer für die 3 bis 6-jährigen beitragsfrei sind. Das wird für viele Familien eine deutliche finanzielle Entlastung bedeuten. Heute werden wir in der Bürgerschaft beschließen, dass der Mindestlohn für die Menschen, die für Bremen arbeiten, deutlich erhöht wird und zwar um etwa 2 Euro mehr pro Stunde. Das betrifft zum Beispiel auch die studentischen Hilfskräfte an der Uni. Außerdem bereiten wir gerade vor, dass nach der Wahl der ÖPNV für alle Kinder und Jugendliche kostenfrei wird, da ich erreichen möchte, dass alle sich gut in der Stadt bewegen können und nicht immer darauf achten müssen, ob sie eine Fahrkarte dabei haben. Die Eltern müssen ihre Kinder dann hoffentlich nicht mehr so oft mit dem Auto herumkutschieren und die Kinder und Jugendlichen können sich daran gewöhnen und auch lernen, einfach mal in die Bahn oder den Bus zu springen. Zudem möchten wir damit auch für Verkehr und Klimaschutz einen wichtigen Beitrag leisten. Was wir jetzt auch vorbereiten müssen ist die Senkung der Bäderpreise auf einen Euro für alle Kinder und Jugendliche, damit sie die Möglichkeit haben, schwimmen zu lernen und somit hoffentlich auch weniger Menschen in Seen oder Flüssen verunglücken.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Ich habe eine Familie, wir haben drei Kinder und da ich als Bürgermeister rund um die Uhr und auch am Wochenende unterwegs bin, ist es mir sehr wichtig, in meiner Freizeit etwas mit meiner Familie zu unternehmen. Wenn ich ein bisschen Luft habe, lese ich gerne oder gehe ins Stadion (wir habe zwei Dauerkarten). Und wenn noch mehr Zeit da ist, mache ich eine Tour mit dem Rennrad.

Werden Sie manchmal auf der Straße oder im Supermarkt angesprochen?

Ja, das passiert sehr regelmäßig. Da ich das Glück habe, zu Fuß zum Rathaus und wieder nach Hause gehen zu können, werde ich oft angesprochen – auch beim Einkaufen.

Finden Sie das gut oder nervt es Sie?

Ich finde das gut, denn das gehört auch mit zur Aufgabe des Bürgermeisters. Deshalb habe ich mich auch dagegen entschieden, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Durch diese Gespräche nehme ich total viel wahr und das macht mir auch Spaß.

Fühlen Sie sich dadurch, dass Sie angesprochen werden, mächtig?

Mächtig? Nun, wenn man in solchen Gesprächen ist, macht das meistens mächtig Arbeit. Gottseidank kommt es selten vor, dass ich von Leuten angemeckert werde. Überwiegend wird mir erzählt, was den Leuten Sorgen macht oder welche Probleme sie persönlich gelöst haben wollen und so etwas nehme ich immer mit, oder gebe denjenigen meine Karte, damit sie mir schreiben können. Mit Macht hat das nichts zu tun. Wenn man wichtige Dinge entscheiden muss oder erreichen will und es schwierig ist, sich durchzusetzen, freut man sich, dass man hier als SPD, in Zusammenarbeit mit den Grünen und mit Unterstützung von der Linken die Macht hat, es zu schaffen.

Hier wird vor der Bürgerschaft schon seit einigen Monaten jeden Freitag demonstriert. Was halten Sie von den Fridays-for-Future-Aktionen?

Ich kriege das hier sehr direkt mit und ich finde das sehr, sehr gut. Natürlich gibt es die Schulpflicht und da müssen wir einen Umgang finden, aber niemand wird in der Schule meckern, weil man hier morgens losmarschiert. Ich finde, diese Kritik ist übertrieben. Viel wichtiger ist, dass junge Menschen sich für so eine wichtige Frage gesellschaftlich engagieren. Das ist doch Demokratie! Ich finde, die Lehrer sollten sich überlegen, wie sie das Thema Klimaschutz, Klimawandel und demokratische Beteiligung in den Unterricht mit einbinden können.

An den Schulen gehen die Lehrer ganz unterschiedlich mit dem Fehlen der Schüler*innen um: Einigen wird das Demonstrieren verboten und/oder in keiner Weise unterstützt, in anderen Fällen lässt man die Schüler*innen gewähren und gibt sich mit einer Entschuldigung zufrieden. Wie wollen Sie darauf reagieren?

Bisher müssen die Schulen das selber regeln. Und es gehört auch ein wenig dazu, das Thema in der Schule, der Schülervertretung und mit der Schulleitung zu diskutieren, wenn man sich dazu entschließt, demonstrieren zu gehen. Ich glaube, wir werden nach der Wahl auch darüber reden müssen, ob man da etwas vereinheitlicht, Vorgaben macht oder ähnliches. Aber die Grenzen sind aufgrund der Schulpflicht natürlich eng. Am cleversten finde ich es, wenn die Lehrer den Gang zum Marktplatz und vor die Bürgerschaft mit in den Unterricht einbinden, denn dabei kann man auch etwas lernen. Dann gibt es da noch das rechtliche Problem: Wenn ihr denn Unterricht verlasst und habt einen Unfall oder ähnliches, ist die Frage, wer die Verantwortung dafür hat. Die Schülerinnen und Schüler sind dann nicht versichert.

Haben Sie Ideen oder arbeiten Sie an Plänen, wie Sie Bremen umweltfreundlicher gestalten und den Forderungen der streikenden Schüler entgegenkommen können?

Natürlich: Wie schon erwähnt probieren wir momentan, den Autoverkehr zu reduzieren, indem wir das Fahren mit Bus und Bahn für Kinder und Jugendliche kostenlos machen und diese Art der Fortbewegung so mehr genutzt wird. Eine weitere Maßnahme, die wir gestern beschlossen haben, ist die Vorschrift von Dachbegrünung bei Häusern ab einer bestimmten Größe. Auch sehr wichtig für den Kohleausstieg ist, dass Bremen mit seinen vielen Windkraftanlagen und den Windparks in Bremerhaven einen großen Beitrag an die Energieversorgung leisten kann. Ein weiteres Projekt ist, dass wir Fernwärmeleitungen durch Schwachhausen legen. Das bedeutet, dass der Müll, den wir produzieren, verbrannt wird und die dabei entstandene Wärme zum Heizen unserer Häuser dient. Das ist ein viel besserer Kreislauf.

In Bremen ist gefühlt immer Stau. Arbeiten Sie an einer Lösungen für dieses Problem?

Wir wollen auf jeden Fall weitere Straßenbahnlinien bauen und neue Verbindungen schaffen. Wichtig ist es gerade jedoch, durch den geplanten Autobahnring, der von der A27 unter der Weser durch zur A1 führt, die LKWs und Autos um Bremen herumzuleiten und somit den Verkehr im Stadtkern zu vermindern. Um möglichst gar keine Autos mehr in der Innenstadt zu haben, soll in den nächsten Jahren das große Parkhaus bei Karstadt abgerissen und Wohnungen dort gebaut werden. Zukünftig wird die Innenstadt auch nicht mehr nur aus großen Kaufhäusern bestehen, da die meisten Leute heutzutage Onlineshopping nutzen. Stattdessen sollen mehr Wohnraum, Gastronomie und Büroraum dort entstehen.

Was halten Sie von der Einführung von G9 in allen Bremer Gymnasien?

Eher wenig, da wir die Wahlmöglichkeit zwischen 12 (G8) und 13 Schuljahren (G9) behalten wollen. Dafür wollen wir Ausbildungen und freiwillige soziale/ökologische Jahre fördern. Und wer möchte, kann auch im Gymnasium einfach ein Jahr wiederholen.

Was wären weitere Ziele von Ihnen für das Jahr 2019/2020?

Einige Ziele habe ich bereits genannt. Ansonsten ist es mir wirklich wichtig, dass wir die Schulen jetzt endlich modernisieren! In Planung sind bei 95 von 125 Schulen Sanierungen, Erweiterungen (zum Beispiel um die Inklusion zu ermöglichen), sowie auch die Digitalisierung. Für die Digitalisierung bekommen wir von der Bundesregierung 10.000.000 Euro und wollen auf jeden Fall auch noch selbst etwas beisteuern. Jede Schule soll sich ihr eigenes Konzept überlegen, da es ja verschiedene Möglichkeiten gibt, wie man die Digitalisierung durchführen kann.

Kürzlich wurden die Ergebnisse zu einer Wahlumfrage veröffentlicht, wobei die SPD knapp von der CDU überholt wurde. Was sagen sie dazu?

Wir haben gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit der CDU und deshalb geht es jetzt in den letzten Wochen Wahlkampf darum, die Wählerinnen und Wähler zu informieren. Ich hoffe vor allem, dass die Wahlbeteiligung steigt und dass wir die CDU noch überholen können! Wenn die SPD stärkste Partei wird, werden wir schauen, wie wir eine kluge Koalition hinkriegen, wo auch Klimaschutz eine Rolle spielt. Ich bin mir nicht sehr sicher, dass die CDU den Wahlkampf gewinnt, da ihnen Klimaschutz nicht so wichtig ist. Außerdem haben sie noch ein paar verrückte Ideen zur Privatisierung. Die FDP will sogar die Bremer Straßenbahnen privatisieren und dann kann man ein kostenfreies Ticket für unter 18-jährige vergessen! Und um junge Wähler zu informieren und für sich zu gewinnen, gibt es an verschiedenen Schulen auch Veranstaltungen und Podiumsdiskussionen.

Vielen Dank, dass Sie sich heute Zeit für uns genommen haben!

 

 

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