„Lyrik kann nervig sein – und das ist auch gut so!“

Lyrik – ein Thema, das bei den wenigsten Schülern Begeisterung auslöst. Das langweilige Analysieren von Gedichten aus längst vergangener Zeit und die immer wiederkehrende Frage: Was will der Autor uns damit sagen?

Das ist eigentlich egal!

sagt Arne Rautenberg, ein erfolgreicher Journalist und Lyriker aus Kiel, der schon zum zweiten Mal bei „Poetry on the road“ dabei ist. Bei diesem Festival treffen Lyrikerinnen und Lyriker aus aller Welt in Bremen zusammen, präsentieren ihre eigenen Werke und offenbaren uns damit interessante Neuentdeckungen zeitgenössischer Poesie in Verbindung mit anderen Künsten. Auch das Kippenberg-Gymnasium hat jedes Jahr wieder die Möglichkeit, Teil dieser Veranstaltung zu sein. Am 04.06.2018 besuchten uns Literaten aus Haiti, Argentinien, Portugal, Uganda, Litauen, China, der Schweiz und Deutschland und boten Einblicke in ihre einzigartigen Welten.

Auch Arne Rautenberg trug ausgewählte Werke vor und nach der Lesung nutzten wir die Gelegenheit, seine Person besser kennenzulernen und seine Sichtweise bezüglich der Aufgabe von Lyrikern in der heutigen Zeit in Erfahrung zu bringen.

Wann haben Sie angefangen zu schreiben? Gab es einen bestimmten Anlass?

Ich habe mich als Jugendlicher sehr für Kunst interessiert. Und da Künstler immer schon mit Dichtern befreundet waren, habe ich ebenfalls angefangen, Gedichte zu lesen. Mit 19 stieß ich auf den amerikanischen Hippie-Dichter Richard Brautigan, der eine ganz neue und andere Sichtweise besaß, welche große Begeisterung in mir auslöste. Dies regte mich dazu an, eigene Gedichte zu schreiben.

Wer waren die ersten Personen, die Ihre Gedichte gehört haben?

Das waren meine damalige Freundin und ein Jugendfreund, der ebenfalls engagierter Schriftsteller ist. Für mich ist es zusätzlich sehr wichtig, von Außenstehenden objektive Meinungen und andere Perspektiven zu bekommen.

Schreiben Sie nur, wenn Sie Ideen haben oder auch unter Druck?

Beides ein bisschen. Ich habe immer einen Notizblock dabei, da ich sehr vergesslich bin und von jedem Tag etwas mitnehmen möchte. Ich bewege mich mit offenen Augen und Sinnen durch die Welt, denn irgendetwas Bemerkenswertes passiert immer.

In den ruhigen Nachtstunden – ich bin eine Nachteule – hole ich dann meine Notizen hervor und gucke sie durch. Manchmal sind es halbfertige Gedichte, eine vage Idee, und ich muss mich da durchkämpfen. Manchmal geht es aber auch in einem Rutsch und ich schaffe zwei Gedichte hintereinander. Am Anfang ist nie klar, was es wird.

Unter welchen Umständen können Sie am besten schreiben? Gibt es irgendetwas, das Sie stört?

Früher habe ich mit Musik geschrieben, das kann ich heute nicht mehr. Mittlerweile brauche ich totale Ruhe, bin nicht ansprechbar und bin nur noch auf die Idee des Gedichts fixiert. Mich stören alle Reize, deswegen arbeite ich auch nicht mehr tagsüber.

Was tun Sie, wenn Sie Inspiration brauchen?

Eine gute Mischung aus Natur, Kunst und guter Literatur animiert mich immer zum Schreiben. Außerdem interessiere ich mich sehr für die japanische Lebensweise.

Sehen Sie in Ihren Werken eine Entwicklung?

Ja, eigentlich ja. Früher habe ich mich auch der erzählenden Literatur gewidmet, aber mittlerweile habe ich mich auf Lyrik spezialisiert und bin so zum Kurzstreckenläufer geworden. Das ist vor allem meiner Lebenswirklichkeit geschuldet. Einen Roman zu verfassen ist ehrlich gesagt ziemlich anstrengend, es gleicht beinahe einem Marathon und dazu hab ich keinen Nerv mehr. Man schafft vielleicht eine Seite pro Tag, wenn man gut ist und ich bin nicht immer gut. Durch meine Tochter kam ich dann dazu, Kindergedichte zu schreiben und brachte mein erstes Buch als Kinderdichter raus. Mit der Zeit bekam ich einige Bildungsaufträge in Schulen und betrat somit eine neue Schiene.

Was wollen Sie mit Ihren Werken erreichen? Machen Sie sich vorher Gedanken darüber oder ist es mehr ein „Drauflosschreiben“?

Es ist ein bisschen „Drauflosschreiben“, aber ich habe natürlich auch den Willen, mit meinen Werken etwas zu bewirken. Gedichte schreiben bedeutet für mich Kontrollverlust. Ich weiß teilweise selbst nicht genau, was ich da mache. Aber das ist auch nicht schlimm, denn jedes gute Kunstwerk braucht Geheimnisse. Erst wenn man etwas nicht versteht, wird es interessant. Mein Ziel ist es also, sich mit den Geheimnissen zu befassen, um so neue Denkanstöße zu erhalten und zu unbekannten Ufern aufzubrechen.

Wie bewerten Sie Ihren früheren Deutschunterricht?

Nachdem ich die Lust am Unterricht verloren hatte, machte mir der Deutschunterricht zum Ende hin wieder Spaß. Wir haben viele tolle Bücher gelesen, wie z. B. Kafka, und außerdem expressionistische Gedichte. Ich bin dankbar, dass meine Schule mich mit so guter Literatur in Verbindung gebracht hat. Trotzdem war ich froh, als die Schule dann vorbei war.

Unsere Schule ist seit Jahren Standort für „Poetry on the road“. Halten Sie es für wichtig, dass Lyrik noch mehr an Schulen, auch außerhalb von Bremen, thematisiert wird?

Es kann nie genug Autorenbegegnungen geben. Denn viele SchülerInnen und auch LehrerInnen haben Angst vor Lyrik und vor der Frage: Was will der Dichter uns damit sagen? Das interessiert mich alles nicht. Ich möchte vermitteln, dass Gedichte auch Spaß machen können.

Es gibt eine Grundregel, die besagt, dass das, was man für sich aus dem Gedicht entnehmen kann, richtig ist. Ob der Dichter das so vorgesehen hat, ist eigentlich egal.

Ich sage immer: Wer keinen Bock hat zu interpretieren, wird nichts kriegen; wer Lust hat, wird belohnt.

Wie stehen Sie zu der Aussage: „Lyrik ist nervig.“?

Lyrik kann nervig sein und das ist auch gut so. Gedichte sind Zaubermittel der Sprache. Sie können unheimlich viel und das Nervige ist nur ein Teil davon. Denn sie können Hoffnung geben, Mut machen oder als Ausdrucksmittel in Ländern fungieren, in denen keine Meinungsfreiheit herrscht. Daher ist es sehr wichtig, dass es Sprache und Poesie gibt, die Dichter aus aller Welt vereint und unterschiedliche Sichtweisen zeigt.

Machen Sie deshalb bei „Poetry on the road“ mit?

Ja, ich freue mich immer, wenn ich eingeladen werde. So entsteht ein schöner Austausch zwischen Dichtern.

Gibt es unter Dichtern eine bestimmte Atmosphäre?

Ja, es herrscht auf jeden Fall eine andere Atmosphäre. Bei Autorentreffen hängen Dichter nach einiger Zeit immer zusammen. Es entsteht also eine Schicksalsgemeinschaft, da der Beruf des Dichters schwer ist. Die Bücher werden nicht so gerne gelesen und gedruckt.

Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Arne Rautenberg war schon in der ganzen Welt mit seinen Gedichten und wir hoffen, ihn auch nächstes Jahr bei „Poetry on the road“ an unserer Schule begrüßen zu dürfen!

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